Leseprobe aus „Du bringst mein Chaos durcheinander“

marawinter Literaturbetrieb

Okay, einmal tief durchatmen. Kein Grund zur Panik. Ich habe noch knapp zehn Minuten und bin schon fast fertig. Ich stecke in dem einzigen grünen Kleid, in dem ich beim Anprobieren nicht furchtbar aussah, auch wenn es das teuerste in der Boutique war – danke für die Farbvorgaben, Sarah! – und der Reißverschluss ist fast ganz zu. Meine Haare sind geföhnt und zur Hälfte gelockt und die zweite Hälfte steckt sicher verstaut in den Lockenwicklern, die ich jeden Moment herausnehmen kann. Oder notfalls nachher im Auto. Die Foundation ist aufgetragen, Lidstrich und Lidschatten sitzen und die künstlichen Wimpern halten schon beinahe … na gut, die gehen dauernd wieder ab, bis auf das eine Büschel links außen, das klebt bombenfest. Den rosa Lippenstift habe ich abgepudert, den werde ich fünf Minuten vor der Kirche nochmal auffrischen. Jetzt muss ich nur noch die Ohrringe anlegen, die Kette und dann können wir auch schon los. Ist doch super, alles im Plan.

„Fine!“, ruft mein Freund Oliver quer durch die Wohnung. Vermutlich schon zum fünfzehnten Mal, aber richtig ernst wird es eigentlich immer erst ab zwanzig.

„Ich hab´s gleich! Kannst du mal bitte ins Bad kommen und mir den Reißverschluss zumachen?“

„Nein! Wir müssen in sieben Minuten los!“

„Bitte, dann geht es schneller!“

„Nein, ich hab schon meine Schuhe an!“ Oliver klingt genervt und kein bisschen nach Feierlaune. Naja, ist ja nicht meine Schwester, die da heiratet.

„Gleich!“, rufe ich zurück und sprühe großzügig Desinfektionsmittel auf meine Ohrläppchen. Entschlossen steche ich den ersten silbernen Ohrring durch das Loch in meinem rechten Ohrläppchen. Es ziept ein wenig, weil meine Ohrlöcher sich sofort verschließen, sobald ich zwei Tage keine Ohrringe trage, aber es geht. Einmal drehen, Clip draufsetzen, fertig. Sieht hübsch aus mit den drei baumelnden Silberperlen. Aber das linke Ohr macht Zicken, als wäre das Loch komplett zugewachsen. Ich drücke und bohre, aber ich kriege den Stecker einfach nicht rein. Kann doch gar nicht sein.

„Fine! Es ist fünf vor halb!“, ruft Oliver. Warum klingt er so genervt, ich hab noch fünf Minuten. Die reichen locker, um dieses verdammte winzige Loch von hinten mit dem Stecker aufzustechen, so! Jetzt ist der Ohrring durch, es hat fast nicht weh getan und der Blutstopfen ist so klein, dass einmal wegwischen reicht. Wieder raus mit dem Stecker, nochmal desinfizieren – aua, das brennt! – und den Stecker von vorne reinstechen, jetzt geht es problemlos, Verschluss drauf, fertig. Erleichtert wasche ich mir die Hände, schnappe mir das silberne Kettchen von Marie und …

„Josefine! Es ist drei vor halb zehn!“, schreit Olli wieder. Meine Güte, was stresst der mich so! Okay, dann kommt die Kette in meine Tasche, die kann ich im Auto anlegen.

Die verdammten künstlichen Wimpern halten immer noch nicht, dann müssen es eben meine Naturwimpern tun. Nur muss dieses eine lange Büschel am Rand wieder ab, sonst sieht es komisch aus. Ich ziehe und zerre an den paar verklebten künstlichen Haaren an meinem äußersten Augenlid, aber sie lösen sich einfach nicht. Dann muss ich sie wohl abschneiden… Mit der Nagelschere geht das ganz gut … shit. Das waren zu viele, jetzt hab ich links oben überhaupt keine Wimpern mehr, dann muss ich da wohl doch wieder welche ankleben, nur kürzere.

„Josefine!“, schreit Oliver, „wir müssen JETZT los!“

„Ich bin gleich soweit!“, brülle ich zurück. So, jetzt ganz ruhig. Da hätte ich gleich draufkommen können, die einfach auf die Länge der natürlichen zu kürzen, aber jetzt ist es zu spät dazu. Verflixt. Wo ist der Kleber? Okay, dann mach ich das im Auto und ziehe vorläufig meine Sonnenbrille an.

„Josefine, ich gehe jetzt runter. Du hast es mir versprochen! Dieses eine Mal kriegst du es hin, hast du gesagt! Wenn du in zwei Minuten nicht da bist, fahre ich ohne dich!“

„Ist ja gut, ich komme ja!“ Hektisch grabsche ich nach dem kompletten Wimpernset und lasse es in meine Kosmetiktasche fallen. Dazu die anderen Lippenstifte und das Deo, man weiß ja nie. Und das Kästchen mit den glitzernden Haarklammern. Dann nehme ich eben den kompletten Kulturbeutel mit und mache die Frisur im Auto fertig, ist ja kein Problem, die Fahrt dauert mindestens eine halbe Stunde. Ich stolpere in den Flur, greife nach dem geliehenen grünen Mantel, meiner Handtasche und der Geschenktüte und sehe mich eine Sekunde lang um. Habe ich was vergessen? Hoffentlich nicht.

Unten vor der Haustür lässt Oliver bereits den Motor aufheulen. Also werfe ich die Wohnungstür ins Schloss und haste die Treppe hinunter. Zum Glück ist es nur ein Stockwerk und Olivers BMW steht direkt vor der Haustür, mit laufendem Motor und geöffneter Beifahrertür. Ich kraxele auf den Beifahrersitz und lasse die Tür zufallen.

„Es ist vier nach halb. Wir kommen zu spät!“, presst Oliver wütend hervor.

„Nein, das schaffen wir locker. Die Trauung beginnt doch erst um 11 Uhr.“ Ich muss erst ein paarmal tief durchatmen, damit sich meine Lunge vom ungewohnten Rennen erholen kann. Oliver drückt aufs Gas und wir preschen los.

„Hast du das Geschenk?“, fragt er streng.

„Ja.“ In der Tüte auf meinem Schoß.

„Die Wegbeschreibung?“

„Ja.“ Ist in meiner Handtasche.

„Die Karte?“

„Ja.“ Ich bin total erleichtert, dass ich trotz der wahnsinnigen Hektik an alles gedacht habe, und bücke mich nach meinem Kosmetiktäschchen. Dabei fällt mein Blick auf meine klobigen Birkenstocksandalen. Verdammt, ich hab meine schönen Schuhe nicht mit!

„Oliver, es tut mir leid, aber wir müssen nochmal zurück. Ich hab meine High Heels vergessen.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst!“, zischt er mich an.

„Doch, tut mir leid.“

„Lass die an, die du jetzt anhast!“

„Aber das sind Hausschuhe, die passen überhaupt nicht zum Kleid.“

„Ist mir egal! Ich bin der Trauzeuge, wenn ich nicht rechtzeitig da bin, ruiniere ich Sarah den schönsten Tag ihres Lebens!“ So wütend habe ich ihn noch nie gesehen. Vielleicht gehen die Birkenstocks doch? Ich ziehe meinen Rock hoch und sehe die eingerissenen, schmutzigweißen Laschen über dem ausgetretenen Fußbett. Nein, das ist todespeinlich.

„Bitte, Olli, ich brauche nur eine Minute.“

Oliver bremst scharf und lässt das Auto quietschend wenden, sodass wir fast ins Schleudern kommen.

„Mach doch nicht so schnell!“, sage ich ängstlich.

„Nicht so schnell? Das kann echt nicht wahr sein!“

„Komm, Olli, es dauert höchstens eine Minute.“

„Nur eine Minute? Du weißt gar nicht, wie lange eine Minute ist! Bei dir dauert eine Minute eine Stunde!“

Oh nein, wir streiten schon wieder, dabei sollte das heute ein ganz besonderer Tag sein.

„Bitte sei doch nicht so böse.“ Ich schlucke und versuche, ihn zu beschwichtigen.

„Das ist ein Alptraum vor dem Herrn!“

„Wie bitte?“

Dann merke ich, dass er gar nicht mit mir redet, sondern vor sich hinflucht. „Gott, womit habe ich eine solche Freundin verdient?!“

Ich verbeiße mir die Tränen. Das ist richtig gemein.

Oliver hält mit quietschenden Reifen vor meinem Haus. „Du hast eine Minute. Das sind sechzig Sekunden! Eine Sekunde dauert so lang: Ein-und-zwan-zig. Kapiert?“

„Ja.“ Ich öffne die Tür, stolpere heraus und verheddere mich dabei im Gurt, falle beinahe hin, renne aber einfach weiter. Die Haustür ist wie tagsüber immer nur angelehnt und ich haste die Treppe hinauf.

„Was ist denn das für ein Stampfen im Treppenhaus?“ ruft mein Nachbar Patrick aus dem Erdgeschoss.

„Notfall!“, brülle ich und stecke zitternd meinen Schlüssel ans Schloss. Vor Aufregung bekomme ich ihn nicht richtig hinein.

„Geht das auch etwas leiser?“

„Nein!“, schreie ich zurück. Patrick mit seinem Ordnungsfimmel ist der letzte, den ich jetzt noch gebrauchen kann. Ich muss nur endlich diesen Schlüssel in die vermaledeite Öffnung … fast, als wäre das Schloss auch zugewachsen … okay, das war der falsche Schlüssel, deshalb. Erleichtert stecke ich den passenden ins Schloss und schließe auf. Ich reiße den Schuhschrank auf, dessen Inhalt mir entgegenquillt, oh, hier ist das Buch, das ich neulich gesucht habe, aber ich weiß zum Glück ganz genau, in welchem Karton die silbernen Riemchensandalen sind, ups, das sind die roten. Aber hier, klar, ich hab sie dahin geräumt, ehm nee, das sind Stiefeletten. Fuck. Aber hier … Ach, das sind die grauen Pumps, eigentlich wollte ich ja andere, aber die Sekunde ist läääängst um, dann nehme ich eben die … ich packe sie und lasse die Tür krachend wieder ins Schloss fallen.

„Denkst du auch mal an deine Nachbarn? Hier wohnen alte Leute!“, höre ich Patrick schon wieder. Es hilft nichts, ich muss an ihm vorbei. Anklagend steht er in seiner geöffneten Wohnungstür. Er ist höchstens dreißig, aber seine Seele muss uralt sein, so wie er sich aufführt.

„Sorry, bin spät dran!“, rufe ich ihm zu und stürze zur Haustür hinaus. Aber hier ist niemand. Olivers Auto ist weg.

„Olli?“ Ist er um die Ecke gefahren? Will er mir eine Lehre erteilen? Ich hetze um die Ecke und wieder zurück. Kein Oliver weit und breit.

„Suchst du deinen Freund in dem BMW?“ Patrick lehnt sich jetzt in seinem Wollpullunder aus dem geöffneten Küchenfenster heraus. „Der ist schon weg. Mit quietschenden Reifen.“

Panisch greife ich nach meinem Handy und drücke die Kurzwahltaste für Olli.

„Ja bitte?“, sagt Oliver schneidend. Am Hall erkenne ich, dass er mich auf Lautsprecher geschaltet hat.

„Olli, wo bist du? Ich steh vor der Haustür!“ Mein Ohr, an das ich das Handy halte, tut weh.

„Gleich auf der Autobahn.“

„Das meinst du nicht ernst, oder? Du kannst doch nicht ohne mich fahren!“

„Doch, das kann ich allerdings! Josefine, es reicht mir mit deinem ewigen Chaos. Es geht um Sarahs Hochzeit! Ich werde nicht zu spät zur Hochzeit meiner Schwester kommen, nur weil meine Freundin die Uhr nicht lesen kann und überhaupt nichts im Griff hat!“

„Dein Ohr blutet“, informiert mich Patrick von seinem Fensterposten aus. Ich taste nach der schmerzenden Stelle an meinem Ohrläppchen und habe tatsächlich klebriges Blut an der Hand. Das muss vom Ohrring kommen, egal jetzt.

„Olli, bitte komm zurück!“ Meine Stimme bricht und ich heule beinahe los, als mir klar wird, wie grotesk mein Aufzug hier ist. Ich stehe in einem dünnen grünen Kleid mit Gesundheitsschuhen und Lockenwicklern auf der rechten Seite meines Kopfes auf dem Gehsteig. In der Hand halte ich einen Herrenmantel, eine Stofftasche und meine Sandalen, am linken Auge fehlen mir die oberen Wimpern und mein Ohr blutet.

„Ich komme nicht zurück! Nie mehr! Josefine, mir reicht es endgültig! Es ist vorbei mit uns!“, sagt Oliver böse aus dem Handy.

„Waas?“

Ich höre seine Worte, aber ich verstehe sie nicht. Ich habe mich schließlich nur ein bisschen verspätet. Na gut, bei einem wichtigen Ereignis, aber ich bin sicher, dass wir noch rechtzeitig …

„Olli, bitte dreh wieder um, ich bin fertig, ich hab jetzt alles!“

„Nein!“

„Bitte! Ich mach es auch wieder gut!“, stammele ich beschwörend ins Telefon und schalte den Lautsprecher an, damit ich ihn besser verstehen kann.

„Das kannst du nicht mehr gutmachen. Nie mehr! Nicht mit mir! Ich bin doch nicht dein Hampelmann! Das war das letzte Mal, dass du mir etwas versaut hast!“

„Aber dann fehlt Sarah eine Farbe im Regenbogen …“

Die Brautjungfernkleider wurden nämlich nach den Regenbogenfarben ausgesucht, weshalb sie nicht die kleinste Farbabweichung gestattet hat.

„Sarah hat dir extra hellgrün gegeben, das fällt nicht auf zwischen türkis und dunkelgrün.“

„Hast du etwa damit gerechnet, dass ich …“

„Bei dir muss man ja mit sowas rechnen!“, sagt er kalt und klickt mich weg. Aufgelegt. Er hat einfach aufgelegt. Durch meinen Körper zuckt eine Welle kalter Übelkeit.

„Was ist denn los?“, fragt Patrick.

„Mein Freund hat mich gerade verlassen!“

„Und daran musst du die ganze Nachbarschaft teilhaben lassen?“

„Ja, muss ich! Verstehst du nicht, er hat mit mir Schluss gemacht!“ Jetzt kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, sie fließen heiß und schnell aus meinen Augen und ich lasse mich auf den Gehsteig sinken.

„Nur weil ich meine Schuhe vergessen habe. Das kann er nicht ernst meinen. Er ist nur wütend, oder?“, sage ich zitternd.

„Na, ich weiß nicht. Er klang schon ziemlich sauer“, sagt Patrick sachlich.

„Aber wir lieben uns doch. Wir sind seit fast drei Jahren zusammen. Man macht nicht einfach Schluss, nur weil jemand sich um ein paar Minuten verspätet…“

„Geht es denn um etwas Wichtiges?“

„Die Hochzeit seiner Schwester.“

„Dann ist es wichtig“, sagt Patrick. „Da kann ich ihn durchaus verstehen.“

Jetzt überkommt mich eine Woge von Wut, auf Oliver, auf Patrick und die ganze Welt. Am liebsten würde ich gegen Ollis Auto treten, nur ist das nicht mehr da.

„Ach ja, du kannst ihn verstehen? Schön für dich!“, brülle ich Patrick an. „Dreihundert Euro hat mich das blöde Kleid gekostet und es steht mir nicht mal!“

„Ja. Grün ist nicht deine Farbe“, stimmt Patrick mir ungerührt zu. Als ob der das beurteilen könnte, mit seinem hässlichen Wollpullunder.

„Und dafür habe ich heute stundenlang im Bad gestanden und mir eine Frisur gemacht!“

„Das nennst du eine Frisur? So mit Lockenwicklern auf dem Kopf geht meine Oma ins Bett.“ Besitzt er nicht einen Funken Feingefühl?

„Ist mir egal, wie deine Oma ins Bett geht! Mein Leben geht hier gerade den Bach runter und du sagst mir, dass ich blöd aussehe?! Was bist du nur für ein Arsch!“

„Du hast mich doch nach meiner Meinung gefragt“, sagt er und hebt verteidigend die Arme. „Außerdem finde ich diese Ausdrucksweise unangemessen.“

„Schon mal was von rhetorischen Fragen gehört? Und ich finde gerade auch so manches unangemessen! Zum Beispiel, dass mein Freund mich hier einfach so am Straßenrand stehen lässt und ausgerechnet der nervigste Nachbar der Welt Zeuge ist. Das ist der beschissenste Scheißtag meines Lebens!“

„Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht valide beurteilen, erst an deinem Todestag kann man das mit Sicherheit sagen.“

Er ist offenbar verrückt. Ganz klar.

„Ich geh jetzt rein! Mit dir kann man ja nicht normal reden!“, fahre ich ihn an. Ich stehe auf und gehe zurück zur Haustür.

„Da irrst du dich. Ich hatte eine Eins in schriftlichem Ausdruck und Kommunikation, soll ich dir mein Zeugnis zeigen?“, sagt er mit einem spöttischen Lächeln.

„Nein danke!“ Ich reiße mich stark zusammen, um im Hausflur nicht gegen seine Wohnungstür zu boxen. Dann stapfe ich hoch zu meiner Wohnung und merke, dass ich den Schlüssel drinnen vergessen habe. Nein, nicht das auch noch. Ich habe mich ausgesperrt. Das kann doch alles nicht wahr sein. Mutlos lasse ich mich auf den Treppenabsatz sinken und beginne, zu weinen. Die ganze Hektik, die Wut und die Enttäuschung, alles entlädt sich und ich kann gar nicht mehr zu schluchzen aufhören.

„Was ist denn jetzt wieder los? Ich dachte, du wolltest in deine Wohnung gehen?“, erklingt Patricks Stimme ein paar Minuten später aus dem Treppenhaus.

„Ich kann nicht. Hab mich ausgesperrt!“, schluchze ich.

„Warum das denn?“ Mit einem Einkaufsnetz in der Hand kommt er die Treppe zu mir hinaufgestiegen.

„Aus Versehen!“, schreie ich. „Warum sollte man sich wohl sonst aussperren? Wohl kaum zum Vergnügen!“

„Ich weiß ja nicht, was du unter Vergnügen verstehst, so wie du dich zurechtgemacht hast, mit abgerissenen Wimpern und blutendem Ohr, aber willst du vielleicht bei mir auf den Schlüsseldienst warten?“

Ich schüttle trotzig den Kopf. Warum muss Annabel ausgerechnet dieses Wochenende mit ihrem Sohn bei ihren Eltern sein? Sonst hätte ich nebenan bei ihr warten können. Ich habe ja sogar einen Ersatzschlüssel für ihre Wohnung, aber der befindet sich ebenso wie mein eigener Schlüssel sicher hinter der verschlossenen Wohnungstür, Luftlinie zehn Meter von hier entfernt.

„Vielleicht könnten wir ja heute aufgrund besonderer Umstände einen kleinen Waffenstillstand einlegen? Ich könnte dir einen Kaffee anbieten, ich habe gerade Kekse gekauft.“ Er wedelt mit seinem blöden Netz vor meiner Nase herum, aber ich schüttle weiterhin den Kopf. Niemals gehe ich zu meinem Feind in die Wohnung.

„Und Desinfektionsmittel und ein Pflaster vielleicht auch?“

Andererseits hat er vermutlich ein Sofa und eine Toilette. Es ist schon kalt hier und ausgerechnet jetzt drückt mich auch meine Blase.

„Na gut“, sage ich vorsichtig. „Ich muss nämlich dringend mal aufs Klo. Aber ich bleibe nur so lange, wie es absolut nötig ist.“

„Das ist ganz in meinem Interesse“, erwidert er mit einem charmanten Lächeln.

Langsam stehe ich auf und folge ihm. Jetzt drängt die Zeit ja nicht mehr. Ich muss zu keinem Termin gehen, nur zu meinem ordnungsverrückten Nachbarn, mit dem ich seit Monaten einen Kleinkrieg über die fachgemäße Entsorgung von Pappkartons führe und der mir mein nicht fachmännisch zusammengefaltetes Altpapier schon mehrmals fein säuberlich zertrennt wieder vor die Wohnungstür gelegt hat. Eigentlich beschwert er sich seit seinem Einzug grundlos unentwegt über irgendetwas.

„Wann bist du nochmal hier eingezogen?“

„Am 27. Januar. Seit diesem Tag liegt meine geliebte Stereoanlage auf dem Schrottplatz, weil meine werte Nachbarin Josefine Geiger ihre Kräfte überschätzt und den Karton fallen gelassen hat. Danke nochmal für die freundliche Hilfe beim Umzug!“

Ach so, richtig, damit hat es wohl angefangen. Okay, das war meine Schuld, aber ich wollte ihm wirklich nur beim Tragen helfen und keine Nachbarschaftsfehde auslösen. Hoffentlich will er mir tatsächlich bloß Kaffee anbieten und mich nicht in seinem geheimen Verlies einsperren. Am Ende würde er mich da noch zwingen, seine Pullunder nach dem Grad der Hässlichkeit zu sortieren.

Patrick bittet mich mit einer übertriebenen Geste herein.

Na gut, hier drinnen ist es warm. Und sauber und ordentlich, wenn auch ziemlich spartanisch eingerichtet.

„Zieh bitte deine Schuhe aus!“

Ja, mache ich, auch wenn kein Dreck der Welt dieses graubraune Linoleum noch hässlicher machen könnte.

„Hier entlang!“ Immerhin nimmt er mir meinen Mantel ab und hängt ihn ordentlich an einen Garderobenhaken. „Hier geht´s zum stillen Örtchen.“ Logisch, schließlich herrscht die gleiche Zimmeraufteilung wie oben bei mir. Nachdem ich auf der Toilette war, bittet er mich in sein Wohnzimmer.

„So, herein in die gute Stube!“

Das ist jetzt eine Überraschung. Früher wohnte hier die Schwester unserer Vermieterin, mit plüschigem Blümchensofa, Eiche rustikal und einem röhrenden Hirsch an der Wand. Großmutters Gruselkabinett, kurz gesagt. Aber jetzt ist alles leer und weiß, grau oder aus Metall.

„Ähm, sehr hübsch“, sage ich höflich.

„Ja, ich habe die Wohnung von Tante Käthe übernommen, aber die Einrichtung war unbrauchbar. Die konnte man nicht vernünftig sauber halten. Was in den Polstermöbeln alles gelebt hat, will ich mir gar nicht ausmalen. Jetzt ist alles abwischbar und wird regelmäßig desinfiziert.“

„Was muss denn dauernd desinfiziert werden?“, frage ich und denke an diesen einen Film mit Christian Bale… American Psycho, genau. Patrick sagt mit einer weiträumigen Geste:

„Na, alles. Ich bin da vielleicht ein wenig übervorsichtig, seit ich mal Kleidermotten hatte. Nimm doch bitte Platz.“

Schicksalsergeben lasse ich mich auf das graue Sofa sinken. Oh, das ist unerwartet bequem. Ich ziehe die Beine hoch und setze mich im Schneidersitz auf meine Füße. Jetzt merke ich erst, wie erschöpft ich bin, und dass mir kalt ist. Hier gibt es aber weder Kissen noch Decken oder sonst irgendetwas, was die Seele oder die Füße wärmen könnte.

„Du hast ja gar keine Bücher.“

„Doch, die stehen alle im Schlafzimmer.“

„Aber ein Wohnzimmer ohne Bücher hat doch keine Seele.“

„Wie viele Bücher hast du denn?“

„Mindestens zweihundert im Regal. Pro Zimmer.“

„Und wann liest du die bitte schön alle?“

„Eins pro Tag im Urlaub, drei pro Woche im Alltag. Ich lese echt schnell.“ Bücher haben mich schon als Kind getröstet, wenn die anderen gemein zu mir waren. Sobald ich lesen konnte, wurden sie zu meiner Zuflucht und Rettung – und sind es bis heute geblieben.

„Möchtest du jetzt einen Kaffee?“

„Ja, bitte.“ Vielleicht ist er doch gar nicht so übel, wie ich gedacht habe.

„Arabica oder Robusta?“

„Wie bitte?“

„Willst du Coffee Arabica oder Coffea Canephora?“, fragt er langsam und deutlich, als wäre ich zurückgeblieben.

„Was ist denn besser?“

„Das kann man überhaupt nicht vergleichen.“ Weil ich ihn immer noch mustere wie eine Spezies von einem anderen Stern, fragt er leicht genervt: „Helle oder dunkle Röstung?“

„Ähm, egal. Wo ist denn der Unterschied?“ Ich will einfach nur einen Kaffee.

„Magst du deinen Kaffee lieber fruchtig, süß, schokoladig oder röstig?“

Okay, jetzt bin ich endgültig überfordert.

„Es sollte nach Kaffee schmecken?“ Patrick verdreht die Augen.

„Filterkaffee oder French Press?“

„Weißt du was? Entscheide du, ich bin sicher, du machst das richtig. Ich muss auch noch den Schlüsseldienst anrufen. Das wird sicher furchtbar teuer.“

„Sollen wir es nicht zuerst bei der Hausverwaltung versuchen? Vielleicht haben die einen Ersatzschlüssel?“

Das ist echt eine gute Idee und ich stimme ihm zu. Aber mein positiver Eindruck gerät schon wieder ins Wanken, als Patrick die Nummer der Hausverwaltung in sein Festnetztelefon eintippt. Er weiß sie auswendig!

„Du rufst wohl oft bei der Hausverwaltung an?“

„Tja, ich muss mich schließlich täglich über dich beschweren.“

„Ach so.“ Na dann.

„Geht keiner ran. Wahrscheinlich, weil Wochenende ist.“

Ich bin erleichtert, als Patrick in der Küche verschwindet, um den Kaffee zu machen. Mit Herzklopfen hole ich mein Handy aus der Tasche. Vielleicht hat Oliver es sich inzwischen anders überlegt und mich um Verzeihung gebeten? Nein. Falls Olli seine Meinung geändert hat, hat er davon nichts kundgetan. Wahrscheinlich ist er schon bei der blöden Hochzeit und lässt sich von seiner blöden Familie umarmen. Ich muss zugeben, dass ich mich auf den Tag nicht uneingeschränkt gefreut hatte. Sarah ist sehr nett, aber irgendwie nicht mein Typ. Sie hat nie was Böses gesagt, aber wenn ich einen Witz mache, sieht sie mich grundsätzlich ratlos an. Und lacht dafür über Sachen, die ich nicht lustig finde. Sie nennt ihren Verlobten „mein Männe“, steht auf Diddlmäuse, von denen ich nicht einmal wusste, dass es die überhaupt noch gibt, und Helene Fischer. Wir leben einfach nicht in derselben Welt. Und ihre Eltern sind nicht viel anders. Sie schunkeln zu Hits von DJ Ötzi, erzählen sich die ältesten Schenkelklopfer und lesen niemals irgendein Buch. Es wäre wahrscheinlich anstrengend geworden, einen ganzen Tag lang mit ihnen zu verbringen. Aber Familienfeiern sind wichtig, wenn man dazugehören will. Und ich dachte, ich hätte meinen Platz in Olivers Leben sicher. Tja, so kann man sich täuschen.

Olli ist nur sporadisch auf Facebook aktiv, aber es gibt eine geheime Facebookgruppe, die der Organisation von Sarahs Hochzeit gedient hat, und in die ich vor Wochen von der mir unbekannten Trauzeugin eingeladen worden bin. Zitternd rufe ich die Gruppe auf und sehe sofort das glückliche Brautpaar vor mir. Beinahe hätte ich Sarah nicht erkannt, sie hat mindestens zehn Kilo abgenommen und ist unnatürlich hell erblondet. Dünn und zufrieden posiert sie in ihrem Designerkleid mit Spitze und hält Markus dabei fest in den manikürten Krallen. Er wird dir schon nicht weglaufen, zukünftige Ex-Schwägerin, oder besser ehemalige Schwägerin in spe. Was mich am meisten interessiert, ist natürlich, wie Olli aussieht. Ich klicke mich von Bild zu Bild – wer hat da jede einzelne Stufe im Rathaus fotografiert? – und entdecke ihn schließlich neben einer unbekannten Frau in Gelb. Sie trägt ein zitronengelbes Kleid, einen sonnenblumenfarbenen Hut und allen Ernstes einen aufgespannten weißen Sonnenschirm mit Butterblumen drauf. Drinnen, im Rathaus. Das muss Viktoria-der-Lenz-ist-da, so nennt sie sich zumindest online, sein, also die Trauzeugin, die mich in die Hochzeitsgruppe eingefügt hat. Sie steht verdächtig nahe neben meinem Freund und strahlt ihn auf jedem Foto an. Olli lächelt schleimig zurück und scheint mich kein bisschen zu vermissen. In der Brusttasche seines Jacketts steckt ein leuchtend gelbes Stofftaschentuch. Wo hat er das bitteschön aufbewahrt? Die Farbe passt exakt zum Kleid der Trauzeugin und mir dämmert, dass das kein Zufall sein kann. Sarah hat sich schließlich wochenlang den Kopf über das Farbkonzept zerbrochen. Hinter Olli und Viktoria steht eine rothaarige kleine Frau in einem orangefarbenen langen Gewand. Offenbar hat Sarah sie gezwungen, ein Kleid in der Farbe ihrer Haare zu tragen.

„Bitte sehr!“ Patrick trägt ein silbernes Tablett mit zwei winzigen Espressotassen, zwei Löffeln und einem Unterteller mit drei Keksen herein.

„Hast du vielleicht auch Milch?“

„Ja, schon, aber doch nicht zum Espresso.“

„Ich mag aber keinen Kaffee ohne Milch.“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt? Ich hab dich doch gefragt, was du möchtest.“ Aber in einer komischen Kaffeenerdsprache, die ich nicht verstehe.

„Können wir nicht einfach ein bisschen Milch dazu gießen, dann wird es halt ein Latte macchiato?“

„Aber bitte nicht mit San Sebaldo Bohnen! Das ist ein brasilianischer Kaffee mit 80% indischem, gewaschenem Robusta, leicht fermentiert! Den zerstört man mit Milch. Das geht gar nicht!“ Na schön. Dann schütte ich den Espresso eben so runter, auch wenn ich ihn schwarz furchtbar finde. Dazu stopfe ich mir einen Keks in den Mund. Fürs Frühstück war keine Zeit und ich hatte mich auf ein üppiges Festmahl eingestellt, außerdem schmecke ich so weniger vom bitteren Espresso. Für wen ist wohl der dritte Keks gedacht? Für mich, weil ich zu Besuch bin? Oder hat Patrick vor, ihn exakt in der Mitte durchzuschneiden, vielleicht mit Hilfe eines Cutters oder einer Küchenwaage?

„Kann ich den letzten Keks haben?“

Er sieht mich freundlich an und fragt: „Würdest du es denn schaffen, ihn nicht zu essen?“

Hab ich schon erwähnt, dass der Typ unmöglich ist?

Schnell stopfe ich mir den Keks in den Mund und lehne mich zurück. Aua, das piekst. Die blöden Lockenwickler kann ich jetzt wohl auch mal rausnehmen. Ich habe keinen Freund mehr, der sich für meine Frisur interessieren könnte, und mein doofer Nachbar hat mich eh schon an meinem absoluten Tiefpunkt gesehen. Also wickle ich Strähne um Strähne auf und lasse die Lockenwickler in meine Handtasche fallen.

„Warum hast du eigentlich nur die Hälfte deiner Haare eingedreht?“

„Weil die Lockenwickler nur für den halben Kopf gereicht haben. Also musste ich es zweimal nacheinander machen.“ Aua, das ziept.

„Sind da standardmäßig zu wenige in einer Packung oder hast du eine unüblich große Haarmenge?“

„Die Hälfte der Lockenwickler ist mir neulich geschmolzen“, gebe ich zu.

„Geschmolzen?“

„Man macht sie in einem Topf mit Wasser heiß und vor kurzem hab ich sie vergessen. Der Kunststoff ist dann teilweise geschmolzen und die Hälfte war kaputt.“ Ich fahre mir mit den Fingern durch die Haare wie mit einem grobzinkigen Kamm.

„Das hat bestimmt schrecklich gestunken.“

„Ja, ich musste den Topf samt Inhalt wegwerfen.“

„Hat dein Freund das mitbekommen?“

Direkt werde ich hellhörig. „Ja schon“, sage ich lauernd, direkt bereit zum Gegenangriff.

„Ah“, macht er nur. Dann Schweigen.

Wie jetzt Ah? Was will er mir damit sagen? Dieser Typ ist einfach die Pest. Und wieso sitze ich tatenlos bei meinem wahnsinnigen Nachbarn herum und lasse mich beleidigen, anstatt den Schlüsseldienst anzurufen? Das sollte ich schleunigst nachholen. Ich google nach der Nummer und murmele Patrick zu, dass ich telefonieren muss. Dann drehe ich mich zur Seite, um wenigstens gefühlt ein wenig Privatsphäre zu haben. Der Typ vom Schlüsseldienst verspricht, innerhalb einer Stunde zu kommen. Für schlappe 150 Euro, aber was soll ich machen.

„Willst du schon gehen?“, fragt Patrick überrascht, als ich das Handy einstecke und aufstehe.

„Ja.“

„Wir haben uns doch gerade so nett unterhalten. Du kannst gerne noch hier warten“, bietet er an.

„Nein, danke. Ich glaube, ich hab genug Kommentare von dir zu meiner Situation gehört.“ Ich stelle meine Tasse aufs Tablett, exakt an die Stelle, auf der sie vorher stand. Dann picke ich drei Kekskrümel vom Tisch auf und lege sie in einem gleichmäßigen Abstand auf das Tellerchen, sodass sie ein gleichseitiges Dreieck bilden. Oder ein gleichschenkliges? Ach, was weiß ich. Hauptsache, er merkt, wie albern ich seinen Ordnungszwang finde.

„Weißt du, wie hoch die statistische Chance ist, dass ein Paar in den Zwanzigern nach einer Trennung wieder zusammenkommt?“, fragt er jetzt allen Ernstes.

Ich weiß nur, dass seine Chancen rapide steigen, heute noch ermordet zu werden. Ganz ruhig, Finchen, durchatmen, innerlich bis zehn zählen. Oder besser bis zehntausend. Kopfschüttelnd und mit zusammengebissenen Zähnen gehe ich durch den Flur, schlüpfe in meine Stiefel und nehme meinen Mantel vom Haken.

„Danke für den Kaffee“, sage ich so freundlich, wie ich es fertigbringe, und verlasse seine Wohnung. Ich lasse die Tür ins Schloss fallen und es knallt befriedigend.

„Hey, warte mal! Das geht auch leiser!“, ruft Patrick mir durch die Tür hinterher.

„Du mich auch“, schreie ich und schlage unwillkürlich mit der Faust gegen die Tür. Die Außenverkleidung scheint aus demselben dünnen Material zu bestehen wie bei mir und ich habe das ungute Gefühl, dass sie sich nach meinem Schlag jederzeit von der Innentür ablösen könnte.

Wütend stapfe ich die Treppe hinauf und lege vor meiner Wohnung den geliehenen grünen Mantel auf den Boden. Ich lasse mich darauf sinken, mit dem Rücken zur Wand. Weil er meinem Bruder gehört, ist er etwas zu groß, aber er passt farblich exakt zu meinem neuen Kleid. Für einen einzigen Anlass wollte ich mir keinen Mantel in einer Farbe kaufen, die mir nicht gefällt. Vor allem nicht für eine Sommerhochzeit, bei der ich ihn eh nur als Backup für den Abend gebraucht hätte. Den Mantel habe ich mir schon letzte Woche ausgeliehen, von wegen, ich würde nie vorausschauend irgendetwas planen. Meinen Handyakku habe ich auch extra nachts aufgeladen. So kann ich mich jetzt ausgiebig mit weiteren Fotos vom großen Festtag ohne Finchen quälen.

Mittlerweile sieht man die glücklichen Brautleute beim Sektempfang vor dem Rathaus. Ist ja nicht gerade die allerschönste Kulisse mit der Baustelle im Hintergrund, aber das war wohl nicht abzusehen. Ich bemerke eine leise Schadenfreude und schäme mich, allerdings nur ein wenig. Sarah lächelt auch eher gequält. Ist sie genervt, weil sie nicht alles unter Kontrolle hat, oder zweifelt sie etwa bereits an den Qualitäten ihres frischgebackenen Ehemannes?

„Na, wer sitzt denn hier so ganz alleine auf dem Boden?“, ertönt plötzlich eine laute Stimme direkt über mir. Ich schrecke hoch und sehe einen fremden Mann vor mir. Er hat einen schwarzen Pferdeschwanz, ist überall tätowiert und hält mir einen klimpernden Schlüsselbund vors Gesicht. Ach, der Typ vom Schlüsseldienst, Gott sei Dank.

Ich rappele mich auf und ignoriere seine Hand, die er mir übertrieben hilfsbereit entgegenstreckt. Das schaffe ich gerade noch allein.

„Na, Sie schauen drein, junge Dame. Was ist denn passiert?“

„Ach, ich wollte eigentlich nur noch schnell meine Schuhe holen und dann hab ich länger gebraucht und er ist einfach weggefahren und hat mit mir Schluss gemacht. Und mein Nachbar, bei dem ich gewartet habe, wollte mir keine Milch zum Kaffee geben und ich hasse dieses Grün!“ Ich deute hilflos auf mein Kleid und spüre wie mir schon wieder die Tränen in die Augen steigen. Meine Güte, bin ich neben der Spur. Der Mann klopft gegen die Tür, sein Gesicht ein großes Fragezeichen.

„Haben Sie von außen abgesperrt und den Schlüssel verloren oder den Schlüssel innen stecken lassen?“

Ach so, er meint die Sache mit dem Aussperren, wie peinlich. Innerhalb von Sekunden färben sich meine Wangen tief rot.

„Nein, er muss drinnen auf der Kommode liegen. Ich meine, ich habe nicht abgeschlossen.“

„Okay. Das ist schon mal gut. Dann können wir es zuerst mit dem Dietrich probieren. Oder wollen Sie es gleich offiziell mit Aufbohren und neuem Schloss?“

„Was ist denn günstiger?“

„Offiziell und mit Rechnung ist immer teurer.“

Er sieht mich augenzwinkernd an und ich komme mir vor wie eine Kriminelle. Ich möchte einfach nur endlich in meine Wohnung.

„Probieren Sie es ruhig mit dem Dietrich. Ich meine, das ist ja nicht illegal, oder?“

„Sie sind ja süß. Nee, das ist doch Ihre eigene Wohnung. Oder nicht?“

„Ja, sicher“, murmele ich und schaue mich um, ob Patrick draußen ist. Der zeigt mich noch höchstpersönlich an, dieser Blockwart von einem Nachbarn.

„Denn wenn das die Wohnung von Ihrem Ex ist und Sie nur noch mal kurz rein müssen, um etwas zu erledigen, dann ist das eine Straftat. Klar, oder?“

„Völlig klar“, sage ich.

„Na, dann wollen wir mal.“

Er braucht keine zehn Sekunden, um mit einem Dietrich mein Schloss zu öffnen. „So, jetzt brauchen Sie kein neues Schloss, das kostet nur die Hälfte, aber ich würde dringend eine Kette oder einen Riegel empfehlen. Ist nicht gerade einbruchssicher so.“ Ganz offensichtlich. Ich bedanke mich für die schnelle Hilfe und will gerne allein sein, mein Ohr desinfizieren und in meine Kissen weinen, aber er steht im Flur herum und schaut mich erwartungsvoll an.

„Ich hole schnell das Geld.“ Hoffentlich habe ich noch genügend Bargeld da, und hoffentlich wartet er bei der Haustür und folgt mir nicht in das Chaos. Aber leider latscht er mir schon hinterher in den Flur, also lasse ich höflichkeitshalber die Tür offen, als ich im Wohnzimmer nach Bargeld suche.

„Was hältst du davon, ich schreib keine Rechnung, aber dafür lädst du mich auf einen Kaffee ein?“

Oh, duzen wir uns jetzt? In meiner Schreibtischschublade sind nur noch fünfzig Euro, aber das goldene Sparkätzchen von meiner Oma ist randvoll. Nur, wo ist der verdammte Schlüssel? Bevor ich das aufbrechen muss, könnte ich vielleicht doch das mit dem Kaffee …?

„Meinten Sie in einem Café oder soll ich Ihnen schnell in der Küche einen Kaffee machen?“, frage ich vorsichtig.

„Hier bei dir ist es viel gemütlicher.“ Oh Mann.

„Mit Milch und Zucker?“, frage ich schwach und gehe an ihm vorbei in die Küche.

„Ja, blond und süß, so wie du.“

Scheiße, das wird mir jetzt zu aufdringlich. Am Ende stellt er sich noch ein paar süße Extras dazu vor, die nichts mit Keksen zu tun haben.

Ich starre in den Kühlschrank und versuche, zu improvisieren. „Tut mir total leid, aber mir ist leider die Milch ausgegangen. Und das Kaffeepulver. Und ich hab ganz schlimme … Kopfschmerzen.“ Letzteres stimmt sogar.

„Tja, dann. Das macht 150 Euro inklusive Wochenendaufschlag von 50%.“

Ich sehe ihm zu, wie er die Rechnung auf seinen Block schmiert und sie mir auf die Kommode knallt. Oh Mann. Dann ist die Sparkatze wohl fällig.

„Kleinen Moment bitte, ich bin sofort wieder da.“ Diesmal mache ich die Tür zum Wohnzimmer hinter mir zu, denn bei diesem zerstörerischen Akt will ich keine Zuschauer haben. Irgendwas Schweres brauche ich … oder ich schlage das Sparkätzchen einfach mit der Kante gegen den Schreibtisch? Aua, verdammt! Es zerbricht leicht wie Glas und schneidet leider auch genauso scharf. Ein dicker Blutstropfen rollt über meine Finger, als ich vorsichtig die Scherben beiseitelege und die Scheine herausziehe. Immerhin dreihundert Euro und eine Menge kleiner Münzen, sogar noch ein paar Markstücke aus meiner Kindheit. Das räume ich später auf. Jetzt will ich nur endlich den Schlüsseltyp loswerden. Ich wickele ein Taschentuch um meinen Finger mit der Schnittwunde und öffne die Tür mit der sauberen Hand.

„Hier, bitteschön!“

„Oh, du zahlst bar? Du hättest es auch überweisen können.“

Wie bitte? Warum hat er das nicht gleich gesagt?

„Dann tschüssikowski!“ Er dreht sich auf dem Absatz um und öffnet endlich die Haustür.

„Danke und tschüss!“, presse ich heraus und fixiere die Tür, bis sie eingerastet ist. Okay, er ist weg. Erstmal ausatmen. Ein Teil von mir ist einfach nur erleichtert, dass er die Wohnung verlassen hat, aber ein anderer Teil fängt an, mich auszuschimpfen. Zehn Minuten Konversation, die mir 150 Euro erspart hätten. War das echt zu viel verlangt, Prinzessin? Ja, sage ich trotzig, wer weiß, was Mr. Tschüssikowski sonst noch vorgehabt hätte. Und noch dazu habe ich völlig umsonst das Andenken an Oma zerschlagen. Es war zwar uralt und voll bis obenhin, trotzdem überkommt mich plötzlich der Drang zu weinen. Schnell in den Müll mit den goldenen Scherben.

Vielleicht sollte ich trotzdem lieber das Schloss austauschen lassen, jetzt, wo ich weiß, wie schnell man das öffnen kann? Olli kann das sicher. Oh, verdammt. Nichts mehr mit Olli kann das sicher. Olli setzt seine Talente jetzt wahrscheinlich bei Viktoria ein. Sie hat ihn schon so hilflos und bambimäßig angesehen mit ihrem albernen Sonnenschirm.

Ich steige aus dem teuren Kleid, schlüpfe in meinen ältesten Pyjama und mache mir einen Kaffee mit extra viel Milch – das Letzte, was mir ausgehen würde, Mr. Dietrichkowski -, knalle mich aufs Sofa und aktualisiere die Gruppenseite. Lädt und lädt und dann … nichts. Hab ich kein Netz? Ich versuche es mit dem Laptop, dasselbe Spiel. Ich komme nicht mehr in die Gruppe rein. Man hat mich gekickt. Tja, Finchen war eineinhalb Minuten zu spät, Finchen hat nicht ins Farbkonzept gepasst. Weg mit dem Chaos-Finchen. Irritiert suche ich das Profil von Viktoria-der-Lenz-ist-da, aber auch das ist verschwunden. Das hast du schlau angestellt, quietschgelbe Frühlingszeugin. Jetzt kannst du dir den Mann mit dem gelben Taschentuch krallen. Aber freu dich nicht zu früh, das Modell Oliver Schmidt hat auch ein paar nicht gleich sichtbare Mängel: Keine Nachsicht mit Fehlern, keine Geduld. Zwei Stunden Vorspiel beim Fußballschauen, zwei Minuten Vorspiel beim Sex. Der äußere Schein ist ihm immer wichtiger als das Innere. Auf seiner Examensfeier hat eine seiner Kommilitoninnen mit verschwollenen Augen die Abschlussrede gehalten. Während ich überlegte, ob sie kurz vor der Rede eine schlimme Nachricht bekommen hat und beeindruckt war, wie professionell sie dennoch alles vorgetragen hat, hat Olli sich darüber mokiert, dass ihr Kostüm nicht perfekt saß und sie „nichts gegen ihren Heuschnupfen“ unternommen hat. Sein Perfektionismus mag ja nach außen hin wie Erfolg und Disziplin wirken, aber wenn man es recht bedenkt, deutet er doch eher auf eine psychopatische Zwangsstörung hin. Ich meine, welcher Mann hat denn bitte Marie Kondo zum Idol und seine Unterhosen nicht nur farblich sortiert, sondern auch noch aufrechtstehend, damit er sie alle mit einem Blick erfassen kann?

„Was machst du gerade, Josefine?“, fragt Facebook. Tja, was mache ich gerade? Ich schäume vor Wut und hacke in die Tastatur.

 

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